Verband für Orts- und Flurnamenforschung in Bayern e. V.

Geschichte

 

 Zur Geschichte der Ortsnamenforschung in Bayern

Schon im 16. Jahrhundert hat sich der bairische Geschichtsforscher Johannes Turmair, genannt Aventinus (1477-1534) , mit der Herkunft von Ortsnamen beschäftigt. Die wissenschaftliche Namenforschung beginnt aber erst mit dem genialen Schöpfer des Bayerischen Wörterbuches Johann Andreas Schmeller (1785-1852). Seine Werke sind großenteils noch heute gültig.

Erst seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts schritt dann die Forschung weiter voran. Der Oberlehrer Remigius Vollmann (1861-1928) gründete am 1. September 1920 den „Verband für Flurnamensammlung“ und veröffentlichte in diesem Jahr auch das Buch „Flurnamensammlung“, das eine weite Verbreitung erfuhr und 1926 bereits in vierter Auflage erschien.
Der Oberlehrer Eduard Wallner (1872-1952) veröffentlichte als Frucht von gründlichen Archivstudien 1924 das richtungsweisende Buch „Altbairischer Siedelungsgeschichte in den Ortsnamen der Ämter Bruck, Dachau, Freising, Landsberg, Moosburg und Pfaffenhofen“. Er untersuchte auch Flurnamen und weitere Siedlungsnamen. Dem Verband für Flurnamensammlung diente er von 1929 bis 1935 als 2. Vorsitzender und, nach Verlust von Haus und Bibliothek, in der schwierigen Phase 1945 bis 1947 interimistisch als 1. Vorsitzender. Für seine großen Verdienste um die Wissenschaft wurde er von der Universität München 1947 mit dem Dr. h.c. geehrt.
Joseph Schnetz (1873-1952) war Professor für Namenkunde an der Universität München und gab seit 1925 die von ihm gegründete erste deutschsprachige namenkundliche Zeitschrift „Zeitschrift für Ortsnamenforschung“ heraus. Seit 1938 betreute er die von ihm initiierte Reihe „Die Flurnamen Bayerns“. Neben Aufsätzen ist seine „Flurnamenkunde“ , deren letzte Seiten er noch auf dem Sterbebett diktiert hatte von nachhaltiger Wirkung. Schnetz wurde erstmals 1931 zum Vorsitzenden des Verbandes für Flurnamensammlung gewählt, den er 1936 in Verband für Flurnamenforschung in Bayern e.V. umbenennen ließ, um die neue Aufgabe der wissenschaftlichen Bearbeitung der vorliegenden Flurnamensammlungen zu dokumentieren. Von 1947 bis 1952 übernahm er wieder engagiert den Vereinsvorsitz.

Der Historiker Ludwig Steinberger (1879-1968) , der von 1926 bis 1933 eine a.o. Professur in München hatte und nach der Rückkehr aus dem Exil 1946 eine „Professur für Orts- und Flurnamenforschung“ erhielt, wirkte nach seiner Emeritierung 1950 als Universitätslehrer weiter. Auch Wolf-Armin Frhr. v. Reitzenstein nahm an seinen anregenden Kolloquien teil. In zahlreichen Aufsätzen widmete er sich besonders namenkundlichen Problemen in Bayern und Tirol. Daneben betreute er bis 1959 die altbayerischen und schwäbischen Ortsnamenbücher.

Der in Böhmen geborene Ernst Schwarz (1895-1984) promovierte nach Kriegsdienst und Verwundung 1920 in Prag über „Die Ortsnamen des östlichen Oberösterreich“. Er wurde Lehrer und erhielt 1930 eine Professur an der Karls-Universität. Der Schwerpunkt seiner umfangreichen Publikationstätigkeit waren hier die Orts- und Flurnamen in Böhmen in der kulturellen Wechselbeziehung zwischen Deutschen und Slawen. 1945 wurde Ernst Schwarz ausgewiesen und kam über Regensburg 1950 als Lehrbeauftragter an die Universität Erlangen. Hier war er von 1954 bis zu seiner Emeritierung 1963 Inhaber des Lehrstuhls für germanische und deutsche Sprachwissenschaft und Mundartkunde am Deutschen Seminar. Er veröffentlichte hier neben zahlreichen germanistischen Werken und namenkundlichen Aufsätzen die „Deutsche Namenkunde“ (1949/ 1950) und das Standartwerk „Sprache und Siedlung in Nordostbayern“ (1960), in dem auch die slawischen Namen behandelt werden. Besondere Verdienste erwarb sich Schwarz auch bei der Anregung und Betreuung von fränkischen Bänden des Historischen Ortsnamenbuches von Bayern.

Der Historiker und Archivar Karl Puchner (1907-1981) hinterließ die bedeutendsten Spuren in der bayerischen Namenforschung. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Generaldirektor der staatlichen Archive und Direktor des Bayerischen Hauptstaatsarchivs nahm er 1952 einen Lehrauftrag für Ortsnamenkunde und Siedlungsgeschichte wahr und wurde 1957 zum Honorarprofessor an der Ludwig-Maximiliansuniversität München ernannt. Durch seine Lehrtätigkeit gelang es ihm, wichtige Impulse zu geben. Die Meisten seiner Schüler waren oder sind als Namenforscher, Archivare, Historiker, Germanisten und Geographen tätig, unter ihnen herausragend sein Nachfolger in mehreren Funktionen Wolf-Armin Frhr. v. Reitzenstein.
Karl Puchner war auch von 1955 bis 1968 Vorsitzender des Verbandes für Flurnamenforschung in Bayern e.V. und als Mitglied des ICOS 1958 Organisator des „IV. Internationalen Kongresses für Namenforschung“ in München. Von 1957 bis 1962 war er weiter Mitherausgeber der „Mitteilungen für Namenkunde“ und von 1958 bis zu seinem Tod 1981 Herausgeber der Blätter für oberdeutsche Namenforschung.
Bereits in seiner Dissertation 1932 behandelte Puchner siedlungsgeschichtliche Fragen. 1951 veröffentlichte er als ersten Band der Sektion Altbayern des Historischen Ortsnamenbuches von Bayern Ebersberg. In zahlreichen Aufsätzen erhellte er besonders Siedlungsnamen. Sein größtes bleibendes Werk ist die Förstemann-Kartei für Bayern, in der er in jahrzehntelanger Kleinarbeit mit Hilfskräften die Ermittlung und Zuordnung der Quellenbelege aller bis zum Jahr 1200 für Bayern überlieferten Ortsnamen festhielt. Eine Veröffentlichung dieses Materials, das unter der Obhut von Frhr. v. Reitzenstein im Archiv des Verbandes für Orts- und Flurnamenforschung in Bayern zugänglich ist, wird derzeit von Albrecht Greule an der Universität Regensburg vorbereitet.

Der Archivar Richard Dertsch (1900–1981) untersuchte bereits in seiner 1925 erschienenen Dissertation die Siedlungsgeschichte im Mittelschwaben. Ihm gelang es dann, vier umfangreiche Ortsnamenbücher über das Allgäu zu veröffentlichen.
Der Germanist und Geograph Karl Finsterwalder (1900-1995) aus Rosenheim war als Professor an der Universität Innsbruck tätig. Er widmete sich besonders den Bergnamen und anderen Namen im bayerischen und Tiroler Alpengebiet. Auch für Bayern von Interesse ist sein Buch „Tiroler Familiennanen“ und das dreibändige Sammelwerk „Tiroler Ortsnamenkunde“. Ihm ist zu verdanken, daß auf den topographischen Karten des Alpenvereins, für den er seit 1926 tätig war, das Namengut reichhaltig und authentisch verzeichnet ist.
Der Münchner Archivar Friedrich Hilble (1915-1990) veröffentlichte mehrere Aufsätze wie z.B. über die Namen der Münchner Mühlen und erarbeitete drei Bände des Historischen Ortsnamenbuches von Bayern.
Der Volkskundler Günther Kapfhammer (1937-1993) , in der Namenkunde Schüler von Karl Puchner, lehrte als Professor an der Universität Augsburg. In seiner Lehrtätigkeit regte er zahlreiche namenkundlichen Arbeiten an. Er beschäftigte sich wissenschaftlich u. a. mit der Beziehung von Ortsnamen und Sagen und begann mit der Publikation einer umfangreichen Studie über die Landschaftsnamen in Bayern. Von 1977 bis zu seinem tragischen Unfalltod 1993 unterstützte er den Verband für Orts- und Flurnamenforschung in Bayern tatkräftig als 2. Vorsitzender.

Seit 1968 setzt sich Wolf-Armin Frhr. v. Reitzenstein organisatorisch und ehrenamtlich für die Namenforschung ein. Erst ist seitdem aktives Vorstandsmitglied des Verbandes für Flurnamenforschung e.V., dessen Vorsitzender er 1977 wurde. Damals erfolgte auch die durch das erweiterte Aufgabengebiet erforderliche Umbenennung in „Verband für Orts- und Flurnamenforschung in Bayern e.V. In dieser Funktion konnte in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit dem Vorstand und dem Geschäftsführer mit finanzieller Unterstützung des Kultusministeriums und der bayerischen Bezirkstage viel erreicht werden. So wurden die Flurnamensammlungen laufend erweitert. Die durch die Flurbereinigung betroffenen Flurnamen wurden ständig begutachtet und die Topographischen Karten des Bayerischen Landesvermessungsamtes namenkundlich überarbeitet. Auf Initiative des Verbandes konnte auch das Projekt „Erfassung der Flurnamen“ beim Haus der Bayerischen Geschichte angeregt werden, das dann Frhr. v. Reitzenstein von 1987 bis 1998 mit leitete. Die vom Verband herausgegebene wissenschaftliche Zeitschrift “Blätter für oberdeutsche Namenforschung“ wird von Frhr. v. Reitzenstein 1977 als Schriftleiter geführt, seit 1972 als Mitherausgeber und seit 1981 als Herausgeber. Seit 1972 ist er auch Mitherausgeber und seit 1982 Herausgeber der Reihe „Die Flurnamen Bayerns“ des Verbandes; seit 1992 Mitherausgeber des „Bayerischen Flurnamenbuches“, dessen Bände beim Haus der Bayerischen Geschichte erscheinen.

Seit Jahrzehnten wirkt Frhr. v. Reitzenstein auch aktiv beim Arbeitskreis für Namenforschung mit, der die Namenforscher des deutschen Sprachraumes zu Tagungen zusammenführt.

1979 wurde v. Reitzenstein in den Ausschuss berufen, der das altdeutsche Namenbuch „Förstemann“ erarbeitet. 1982 erfolgte die Wahl in den Vorstand der „Henning-Kaufmann-Stiftung zur Förderung der deutschen Namenforschung auf sprachgeschichtlicher Grundlage“, die Preise für herausragende namenkundliche Forschungsarbeiten vergibt. Seit 1969 nimmt Frhr. v. Reitzenstein mit Vorträgen an den Kongressen des International Committee for Onomastic Sciences (ICOS) teil, in das er als Vertreter Bayerns 1984 gewählt wurde. Um die Arbeit am Historischen Ortsnamenbuch von Bayern zu unterstützen wurde er 1987 zum ordentlichen Mitglied der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt.

In den Beiträgen der vorliegenden Festgabe wird deutlich, dass die Namenkunde eine Länder- und Sprachräume, aber auch Fächer übergreifende Wissenschaft ist. Der Jubilar hat sich nicht nur für die deutschsprachige, sondern – bereits erkennbar in seiner Dissertation, in der er umfassend die römische Namengebung untersuchte – für die internationale Namenforschung eingesetzt. In seiner Person strahlt die bayerische Namenforschung europa- und weltweit aus.

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